Warum ich mich immer wieder einem Ultra-Trail stelle

Diesen Monat berichtet unser Teamkollege Balthasar, warum man sich freiwillig den Strapazen eines Ultra-Trails aussetzt – und weshalb einen dieses einzigartige Erlebnis immer wieder an die Startlinie des nächsten Abenteuers zurückkehren lässt.

Zwischen Zweifel und Ziellinie – Was einen Ultra-Trail so besonders macht"

  

 

Nach meinem letzten Ultra--Trail hat mir eine Bekannte folgende Frage gestellt:"Warum macht man einen Ultra--Trail (länger als die klassische Marathondistanz, führt durch alpines Gelände mit in Summe oft mehreren tausend Höhenmeter) bzw. was treibt einen dazu, sich so extremen Belastungen auszusetzen?"

 

Diese Frage haben sich sicherlich schon viele gestellt, wenn man einen Trailläufer nach vielen Stunden verschwitzt und erschöpft über eine Ziellinie laufen sieht.

Grundsätzlich sollte das Ergebnis zweitrangig sein. Wenn es dann am Start soweit ist, herrscht angespannte Vorfreude und vermutlich kommen bei dem einen oder anderen ein paar Zweifel und Fragen auf, wie "Habe ich alles in der Vorbereitung richtig gemacht?" oder "Habe ich vielleicht was vergessen (Lampe, etc.)?".

 

So bald das Startsignal ertönt, wird meist zu schnell los gelaufen. Vermutlich denkt man sich, alles was ich schon hinter mir habe, braucht man nicht mehr laufen.

Neben den beeindruckenden Momenten wie dem Sonnenaufgang, Blicke auf Seen und meist einer atemberaubenden Gegend, wird das Rennen mit der Zeit auch anstrengender und es kommen auch erste Beschwerden dazu. Zusätzlich mit diesen Herausforderungen kommen auch erste Zweifel auf – warum macht man das, macht es Sinn, das Rennen fertig zu laufen, etc.? Aber durch aufbauende Worte von Mitstreitern, Betreuern, etc. während des Rennens, werden Kilometer für Kilometer und Höhenmeter für Höhenmeter abgespult. An den Labestationen sollte man sich dann wieder gut versorgen und der nächste Streckenteil wird in Angriff genommen. Mit den letzten Kilometern kommt dann der Stolz hinzu, diese Herausforderung geschafft zu haben und so kann man dann mit Freude und einem Lächeln ins Ziel einlaufen.

 

Vermutlich ist es die Summe von all diesen Erlebnissen (schönen, anstrengenden, herausfordernden aber auch aufbauenden motivierenden Momenten, die man vermutlich auch nie mehr vergisst), warum man sich der Herausforderung "Ultra--Trail" stellt. Denn nur nach „wenigen“ Tagen ist man schon wieder so motiviert, dass man sich schon wieder für den nächsten Lauf vorbereitet bzw. neue Ziele setzt - das ist es, wenn man vom Ultra--Trail angesteckt ist. Denn es ist weit mehr als Laufen. Es ist ein Abenteuer in der Natur mit mentaler Herausforderung (eine sportliche Reise zu den eigenen Grenzen). Schmale Waldwege, steile Anstiege, Geröllfelder und Berggipfel bestimmen den Weg (jeder Kilometer verlangt Konzentration), wobei jeder Trail anders ist.

 

Ein Ultra--Trail wird nicht alleine mit den Beinen gewonnen bzw. bewältigt, sondern auch im Kopf. Es ist auch völlig normal, wenn gerade an steilen Anstiegen gegangen wird (selbst Spitzenläufer gehen zügig bergauf), um Kraft zu sparen. Wer versucht, jede Steigung laufend zu bewältigen, verbraucht oft unnötig viel Energie. Auf flachen Passagen und bergab wird dann wieder gelaufen. Dieses bewusste Wechselspiel zwischen Laufen und Gehen gehört zu einer erfolgreichen Rennstrategie.

Als besonders, spannendes und fesselndes Erlebnis, finde ich, kommt dann auch noch der Downhill hinzu. Dies ist der Teil des Laufes, der Abwechslung, Herausforderung und pure Freude vereint. Dabei geht es um Tempo und Kontrolle. Das schnelle Laufen bergab sorgt für einen echten Adrenalinkick.

Wurzeln, Steine, enge Kurven, lose Untergründe oder steile Passagen erfordern volle Konzentration, schnelle Reflexe und eine gute Lauftechnik. Das Gefühl, solche Passagen sicher zu meistern, ist extrem befriedigend. Es entsteht ein Flow-Zustand - ein Gefühl von Leichtigkeit. Zusätzlich ist nach einem anstrengenden Anstieg der Downhill oft die Belohnung.

 

Ultra-Trail ist somit mehr als nur Sport - es ist kein Wettkampf gegen andere, sondern einer gegen die eigenen Zweifel. Wer stundenlang über Berge läuft, erlebt Erschöpfung, Glücksgefühle und beeindruckende Natur (oft innerhalb weniger Minuten). Genau das der Grund, warum ich mich jedes mal wieder dieser besonderen Herausforderung stelle. Denn wer einmal nach vielen Stunden einen Gipfel erreicht oder erschöpft die Ziellinie eines Ultra-Tails überquert, versteht die Antwort auf die gestellte Frage: "Man tut es nicht, weil es leicht ist – sondern weil das Erlebnis unvergesslich ist."