„Wie ich lernte, mein eigenes Tempo zu laufen“

Ab sofort findet ihr hier regelmäßig persönliche Beiträge zu aktuellen Themen rund um Training und Wettkämpfe – verfasst von unserem Salzburg Trailrunning Festival Running Team. Lasst euch inspirieren, entdeckt neue Wettkämpfe oder holt euch frische Motivation für euer eigenes Training.

Diesen Monat berichtet unsere Teamkollegin Steffi, warum der Vergleich mit erfahrenen Läuferinnen und Läufern nicht immer hilfreich ist – und wie sie ohne Druck zu ihrer bisher besten Leistung fand.

Zwischen Größenwahn und Labestation – Wie ich als Anfängerin versuche, mit den Routiniers mitzuhalten"

  

 

 

Hi, ich bin Steffi. Die Rookie im Team – wenn auch nicht mehr die Jüngste. Diesen Monat gibt's keine Trainingstipps und keine schlauen Weisheiten. Ganz einfach deshalb, weil ich sie mir selbst regelmäßig bei meinen Kolleginnen und Kollegen hole. Stattdessen gibt's einen ehrlichen Einblick, wie es sich anfühlt, wenn man als Anfängerin versucht, mit lauter Routiniers mitzuhalten. Und wenn daraus ein Ehrgeiz entsteht, der schneller läuft als der eigene Körper.

Aber von vorne.

Seit 2021 arbeite ich bei Sepp im Büro und bin dadurch irgendwie ins Trailrunning-Team hineingerutscht. Anfangs war ich eher organisatorisch oder als Support bei den Bewerben dabei, bis wir 2024 gemeinsam beim Delicious Trail Dolomiti in Cortina d'Ampezzo starteten. 23 Kilometer, 1.300 Höhenmeter – mein erstes Trailrennen. Und von da an wusste ich: Das will ich auch.

Danach folgten ein Halbmarathon und zwei weitere Trailläufe über der 20 Kilometer-Marke. Über Herbst und Winter trainierte ich fleißig weiter und fasste einen mutigen Entschluss: Hochkönig Ultraks – 32 Kilometer und 2.100 Höhenmeter. Schließlich hatte ich ja schon 26 Kilometer mit 1.800 Höhenmetern geschafft, da sollte das doch in einem dreiviertel Jahr trainierbar sein dachte ich mir.

Spoiler: War es nicht.

Kaum hatte das neue Jahr begonnen, zog ich mir bei einem Longrun im Schnee eine Überlastung der Schienbeine zu. Dazu kamen starke Hüft- und Rückenschmerzen. Die Quittung dafür, dass ich Stabi-Training und Mobility ungefähr so ernst genommen hatte wie die Bedienungsanleitung eines neuen Druckers.

Also hieß es erstmal: Spaziergänge statt Intervalle, bergauf gehen statt laufen, dehnen, Krafttraining, mobilisieren. War genau so langweilig wie es klingt.

Anfang Februar startete dann mein offizieller Trainingsplan für den Hochkönig Ultraks, den hatte ich mir bei der Anmeldung gleich mitgekauft. Inhaltlich war er richtig spannend. Ich lernte viel über verschiedene Trainingsreize, Einheiten und Trainingssteuerung.

Der Haken? Fünf Laufeinheiten pro Woche. Plus Lauf-ABC. Plus Krafttraining. Plus Pilates.

Ganz ehrlich: Wer hat bitte einen Tag mit 70 Stunden?

Ich versuchte, so viel wie möglich umzusetzen: Tempodauerlauf, Schwelleninferno, Crescendo oder wie die Einheiten alle hießen. Nach nur drei Wochen bremste mich eine hartnäckige Erkältung aus. Kaum wagte ich wieder eine intensivere Einheit, zahlte ich am nächsten Tag die Rechnung dafür. Drei Wochen lang ging das so, bis ich irgendwann die Geduld verlor. Trotz Bronchitis begann ich wieder zu trainieren, ich hatte mir das so in den Kopf gesetzt, dass ich trotz ärztlichem Rat nicht aufgeben wollte. Ich redete mir ein, dass ich schließlich nur noch neun Wochen Zeit hätte. Heute weiß ich: Mein Körper wollte mich nicht ärgern - er versuchte mich auszubremsen, weil der neue Trainingsplan einfach zu viel für mich war.

Der Trainingsplan für meinen Halbmarathon, den ich mir übrigens von ChatGPT schreiben ließ, war deutlich moderater: weniger Einheiten, weniger Umfang, weniger Intensität. Aber ich konnte ihn konsequent durchziehen und wurde dadurch Woche für Woche besser. Diesmal trainierte ich zwar theoretisch mehr – praktisch fiel ich aber ständig aus und machte dadurch keine Fortschritte. Was wiederum an der Motivation nagte und den Druck noch größer machte. Ich will endlich mithalten können.

Nach ein paar Wochen hin und her konnte ich wieder loslegen und zu meiner Erleichterung blieb meine Grundlagenausdauer erhalten. Lange Einheiten funktionierten ebenso wie intensive und ich investierte viel Zeit ins Downhill-Training – hatte mich als Motivationsboost beim Innsbruck Alpine K25 angemeldet J

Das Rennen entwickelte sich zur absoluten Hitzeschlacht und ich merkte bei jedem Anstieg, dass mir die Bergeinheiten fehlten. Ich kämpfte mich ins Ziel und durfte diesen einzigartigen Zieleinlauf genießen (der Grund warum ich hier starten wollte) – wenn auch mit einem Lächeln, das wahrscheinlich eher nach Überleben als nach Freude aussah.

Eigentlich hätte ich zufrieden sein müssen. War ich aber nicht. Denn in meinem Kopf war ständig dieser Gedanke: „Da müsste doch mehr gehen, wofür trainier ich denn ständig, bei anderen geht das alles viel schneller“.

Und genau da begann das eigentliche Problem. Ich hatte noch ein Monat bis zum Hochkönig Ultraks aber die Wahrscheinlichkeit, 2.100 Höhenmeter vernünftig zu bewältigen, ging gegen null. Somit hatte ich mein großes Saisonziel verfehlt, bevor ich es überhaupt versuchen konnte. Ich meldete mich auf die 21-Kilometer-Distanz um, doch meine Motivation war weg. Ich konnte mich kaum noch zu Trainingseinheiten überwinden und wenn es mir dann doch gelang, brach ich diese nach kurzer Zeit ab. Eigentlich wollte ich das Rennen überhaupt nicht mehr laufen, wozu denn?

Doch dann entschied ich mich dazu, das Rennen einfach nicht mehr als Rennen zu betrachten sondern als Trainingseinheit mit schöner Kulisse, guter Stimmung und Labestationen. War ja nicht so, dass ich um die ersten Plätze mitkämpfen hätte können.  

Und dann war die Überraschung groß: dadurch, dass ich mir jeglichen Druck genommen hatte, war ich wie ausgewechselt. Ich lief einfach drauf los und es lief richtig gut. Vom ersten Uphill an sammelte ich laufend Teilnehmer ein. Ausgerechnet bergauf – dort, wo ich normalerweise eingesammelt werde. Im Downhill konnte ich meine Stärke voll ausspielen, auf den flacheren Passagen lief es richtig rund und selbst am letzten langen Schotteranstieg hatte ich noch genügend Kraft. Ich konnte die Zwischenzeit kaum glauben die meine Uhr anzeigte; ich war deutlich unter meiner Wunschzeit.

Und genau in diesem Moment knöchelte ich um. Kurzes einfaches Stück, Konzentration lässt nach 17km dann auch mal nach und schwupps, schon sitzt man wimmernd am Boden. Doch ich war so geflashed von meiner Leistung bis dahin, dass ich einfach nicht aufgeben wollte. Also ließ ich mir aufhelfen und humpelte los. Ironischerweise war ich im Downhill trotzdem noch schneller als meine Mitläufer zu diesem Zeitpunkt und so finishte ich überglücklich. Und dieses Mal war ich wirklich stolz.

Mein Learning: Mich mit meinen Teamkolleginnen und Teamkollegen zu vergleichen, macht ungefähr so viel Sinn wie Bananen mit Wassermelonen zu vergleichen. Sie investieren seit Jahren unglaublich viel Zeit in Training und Ernährung, bringen deutlich weniger Gewicht auf die Waage und haben sich mittlerweile einen entsprechenden Lebensstil aufgebaut. Ich war viele Jahre einfach die klassische Büromaus – um es im Instagram-Jargon zu sagen –, die hin und wieder ihre Lauf- oder Wanderschuhe geschnürt hat.

Und das ist völlig okay. Ich muss keinem Marathon gewinnen. Ich muss nicht jede Woche neue Bestzeiten laufen. Ich muss einfach nur Dranbleiben.

Und falls ihr euch gerade in irgendeinem Teil dieser Geschichte wiedererkannt habt: Willkommen im Club. Wir treffen uns irgendwo zwischen Größenwahn, Selbstzweifeln und der nächsten Labestation.

Liebe Grüße

Steffi